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 Offener Brief


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Matthias Engelhardt[...], den 20.10.2003
[Anschrift der Redaktion bekannt]
matthias2610@aol.com

EIN OFFENER BRIEF ZUR GÄNGIGEN PRAXIS DER FILMVERLEIHFIRMEN, KINOFILME FÜR EINE NIEDERE ALTERSFREIGABE HERUNTERZUKÜRZEN.

Aktueller Anlass: Die deutsche Kinofassung des Columbia-Tristar-Filmes BAD BOYS 2.

In diversen Zeitschriften war es bereits geunkt worden und im Internet kursierten Gerüchte und Diskussionen darüber, ob der Bruckheimer-Actionfilm BAD BOYS 2 mit W. Smith und M. Lawrence gekürzt ab16 ins Kino kommen sollte.

Dies traf letztendlich auch ein, wie ein Blick auf die Homepage der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (www.fsk-online.de) und ein Vergleich zwischen der Original- und der synchronisierten Fassung belegen: Rund eine Minute werden dem deutschsprachigen Kinogänger vorenthalten.

Eine Minute mag nach nicht viel aussehen, zumal es sich um einen Film von knapp 2,5 Stunden Länge handelt.

Man muss sich hierbei vor Augen halten, dass die Schnitte nie ganze Sequenzen beinhalten, sondern oft nur (Bruchteile von) Sekunden dauern. Doch dies wirkt sich dennoch ungemein negativ auf den Filmfluss aus. Ein Beispiel: Das Ku-Klux-Klan-Mitglied, das in der Anfangssequenz gerade noch Martin Lawrence als Geisel im Arm hatte, ist plötzlich aus dem Film verschwunden, Lawrence läuft frei herum - der Kopfschuss (<1Sek), den der Mann im allgemeinen Chaos abbekommen hat, fehlt. "Wo ist der Typ hin? Wieso ist Lawrence frei? Hab ich etwas verpasst?" - so reagiert der mitdenkende Filmfan. Und auch wenn das vielen anscheinend schwer fällt, zu glauben (v.a. den Verantwortlichen der Verleihfirmen): Ja, es gibt Actionfans, die tatsächlich mitdenken!

Überdies Zu beachten: Schnitte wirken sich immer auch auf die Tonspur eines Filmes aus. Das Bild ist nicht ohne den Ton schneidbar, die Orchestrierung und Soundeffekte werden mit beeinträchtigt. Gerade Schnitte unter einer Sekunde lassen den Ton hüpfen, machen daraus eine zerkratzte Schallplatte - wer die RTL-20:15Uhr-Fassung von THE ROCK oder die damalige Kinofassung von KISS OF THE DRAGON gesehen hat, weiß wovon ich spreche.
Wer Ohren hat, der höre! (Steht schon in der Bibel.)
Jeder Schnitt, sei er noch so klein, stört den Fluss eines professionell gemachten Filmes.

Mit einem weiteren Beispiel möchte ich meine Erläuterungen erhärten: JURASSIC PARK von 1993 (Columbia).

Steven Spielbergs erfolgreichster Film, wegweisend durch seine Special-Effects, ist bei uns nie ungekürzt auf Video oder DVD erschienen, geschweige denn im Fernsehen gelaufen.

Es handelt sich einzig um folgenden Schnitt, der sich auf 12 Sekunden beläuft:

Als der T-Rex aus seinem Gehege ausbricht und das Auto der Kinder angreift, versucht Sam Neill, ihn mit einer Signalfackel wegzulocken. Jeff Goldblum tut es ihm gleich, der Saurier stürmt auf ihn zu, er wirft die Fackel weg.

GESCHNITTEN: Die Fackel landet vor dem Toilettenhäuschen (=Zufluchtsort des Anwalts), der T-Rex nimmt Goldblum auf die Schnauze und kracht mit ihm durch die Bretterbude. Goldblum wird davon geschleudert.

Eingesetzt wird wieder, als der T-Rex vor dem Anwalt steht und ihn anschließend verspeist.

Der mitdenkende Filmfan stellt sich folgende Fragen: 1. Was ist mit Goldblum passiert? 2. Wieso ist das Häuschen auf einmal zerstört? 3. Warum springt die untermalende Filmmusik des mehrmaligen Oscargewinners John Williams?

Die Folge: Irritation.
Zur Erinnerung: EIN Schnitt. NUR 12 Sekunden.

[Anm. d. Red.: Der hier beschriebene Schnitt ist in den deutschen Fassungen nicht vorhanden. Der Verfasser des offenen Briefes hat in diesem Punkt wohl ungenau recherchiert. Alle deutschen Veröffentlichungen von Jurrasic Park sind ungeschnitten!]

Rechnet man das auf die etwaige Minute von BAD BOYS 2 mit einer Schnittanzahl in zweistelliger Höhe hoch, wird klar: DAS MACHT WAS AUS!

Doch davon betroffen sind beileibe nicht nur der Action- oder Horrorfilm. Und es handelt sich dabei längst nicht mehr um Einzelfälle, wie es seinerzeit noch STIRB LANGSAM (20th Century Fox), GHOST - NACHRICHT VON SAM (Paramount), DISNEY'S TARZAN (Buena Vista), JAMES BOND - GOLDENEYE (MGM) oder ACE VENTURA 2 (Warner Bros.) waren. Eine kleine Liste der aktuellsten Filme:

DAREDEVIL (20th Century Fox)
2 FAST 2 FURIOUS (United International Pictures)
HULK (United International Pictures)
HARRY POTTER 2 (Warner Bros.)
GHOST SHIP (Warner Bros.)
DISNEY'S LILO & STITCH (Buena Vista)
THE ONE (Senator Film)

Diese Filme wurden von den Verleih-Firmen in gekürzten Fassungen ins Kino gebracht, um eine niedrigere Altersfreigabe und damit eine größere Zielgruppe zu erreichen. Dass die Filme gekürzt sind, erfährt der Filmfan selten, höchstens durch Zufall. Oder erst, wenn sie in den Videotheken stehen, nun ungekürzt (was jedoch alles andre als der Regelfall ist) und mit prägnanten Werbeaufklebern versehen: "Unzensiert!", "Was Sie bisher nicht sehen durften!", "Härter als die Kinofassung!". Sie nennen das klugen Geschäftssinn, ich nenne das Betrug am Filmfan. Ich nenne das eine Möglichkeit, einen Film ungekürzt zu sehen, sie nennen Downloaden ein Verbrechen.
(Um einem Missverständnis vorzubeugen: Sich Filme illegal aus dem Netz zu besorgen wird von mir hier in keinster Weise gut geheißen oder propagiert. Nichts kann das Kinoerlebnis oder eine gut gemachte DVD ersetzen! Ich möchte aber zwei dem Film schadende Praktiken gegenüberstellen)

Leider geschieht dies auch seit jeher bei Filmen, die von der FSK ab18 eingestuft werden. Hier will einer Indizierung entgangen werden, was ein Bewerbe- und Ausstellungsverbot und somit starke Einnahmeverluste mit sich führt. Beispiele der jüngsten gekürzten 18er Filme: VERSUS - FÜRCHTE DEINEN GEGNER, REQUIEM oder BATTLE ROYALE. Weshalb jedoch auch viele indizierte Filme noch Schnitte Aufweisen, entzieht sich meinem Verständnis - dies hat nichts mehr mit Jugendschutz zu tun, vielmehr wird hier ein volljähriges Publikum bevormundet.

Was anscheinend weder der breiten Masse noch den Verantwortlichen bewusst zu sein scheint: Alle für einen Film eingesetzten Stilmittel sind von seinen Machern bewusst gewählt und aufeinander abgestimmt. Auf diese Weise gewinnt der Film seine Atmosphäre, sein Markenzeichen, erzielt seine Wirkung. Dies liegt in der Verantwortung der Filmemacher. Nicht der Verleiher! Doch wenn diese nur eines dieser Stilmittel (im Falle BAD BOYS 2: Die Gewalt) entfernen, so wirkt sich dies unwillkürlich auf alles andere ebenso aus. (Von resultierenden Logik- und Anschlussfehlern ganz zu schweigen.) Der Film ist nicht mehr stimmig. Der Film wird entstellt. Unweigerlich.

Was leider immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint: Der Film an sich ist ein Kunstwerk. Als solches sollte er auch behandelt werden, nicht trotz sondern gerade wegen der immensen Kosten, die dieses künstlerische Medium verschlingt.
Nun, das klingt vielleicht albern.
Genauso albern wäre es, aus einem Roman eine oder mehrere Seiten herauszureißen und diesen dann in den Buchhandel zu stellen. Die Seiten mögen ja gut entfernt sein, vielleicht endet gar auf der vorhergehenden Seite ein Satz und auf der folgenden beginnt ein Neuer, so dass man bei stupidem Lesen keine Unregelmäßigkeiten bemerkt. Dennoch würde ihn jeder Buchhändler, Verleger und nicht zuletzt Kunde als wertlos und nicht mehr verkäuflich erachten.
Für das Medium Film gelten offenbar andere Gesetze.

Nun zu meinen Appellen, dem eigentlichen Grund für vorliegendes Schreiben:

1. APPELL AN DIE VERLEIHER

Seht Film als das an, was er ist: In Eure Obhut gelegte Kunst, der gegenüber Ihr eine Verantwortung habt.
Seht von diesen Selbstzensurmaßnahmen ab!
Wenn Ihr schon nicht drauf verzichten könnt, dann seid wenigstens ehrlich und macht es von euch aus Publik! Mit einem Banner über dem Filmplakat "Dieser Film ist um … Minuten gekürzt" würdet Ihr Euch zumindest nicht mehr des Betruges am Filmfan (Euer Kunde! Euer König!) schuldig machen.
Bringt die originalsprachige Fassung und Previews ungekürzt (im Falle von BAD BOYS 2 ja schon geschehen).
GEWINNT UNSER VERTRAUEN ZURÜCK!

2. APPELL AN DIE KINOS

Seht Film als das an, was er ist: In Eure Obhut gelegte Kunst, der gegenüber Ihr eine Verantwortung habt.
Plädiert bei den Verleihern für ungekürzte Fassungen, bringt Sonder- und Originalsprachenvorstellungen.

3. APPELL AN DIE FACHZEITSCHRIFTEN

Nehmt Eure Aufgabe gegenüber Eurer Leserschaft wahr: INFORMIERT SIE!
Mir ist bewusst, dass gerade Monatszeitschriften nicht aktuell auf diese Fälle eingehen können. Doch wofür hat beispielsweise CINEMA die Rubrik "Filme, die noch im Kino laufen"? Und wofür habt Ihr Euren Internetauftritt? Hier könnt Ihr tagesaktuell informieren!
Gebt bei gekürzten Filmen Bewertungsabzug.
Bringt Sonderartikel.
Hakt bei den Verleihern nach, sprecht Schauspieler und Regisseure in Euren Interviews darauf an (ruhig auch erst bei einer ihrer folgenden Produktionen).
Seid dabei konsequent! An eine Fußnote im Jahre 1997 erinnert sich bald kein Mensch mehr; lasst nicht locker!
MACHT EUCH ZUM ANWALT DER FILMFANS, zu denen Ihr Euch ja selbst zählt.

4. APPELL AN DIE ZEITUNGEN

Bringt auf Euren Feuilleton- und Kultur-Seiten Berichte, sensibilisiert die breite Masse für dieses Thema.
Denn wie aufgeführte Filmbeispiele belegen: Fast jeder Kinogänger ist betroffen. Und kaum einer weiß darum.

5. APPELL AN DIE KINOGÄNGER

BOYKOTTIERT GEKÜRZTE FILME!
Gebt nicht wissentlich Geld für gekürzte Filme aus. Ihr betrügt Euch selbst um ein unbeeinträchtigtes Filmvergnügen.
INFORMIERT EUCH!
U.a. auf diesen Internet-Seiten: www.fsk-online.de, www.schnittberichte.com, www.ofdb.de, www.dvdinside.de
BESCHWERT EUCH! An Kinokassen, bei den Verleihern, durch Leserbriefe, ...
Wer sagt "Ich allein kann sowieso nichts ausrichten", irrt: Denn es ist auch stets nur einer allein, der sich einen Film aus dem Internet herunter lädt und der Branche Schäden in Milliardenhöhe zufügt.

6. APPELL AN ALLE

Lernt (wieder) Respekt vor der Kunstform Film! Sie ist weit mehr als ledigliche Samstagabend-Unterhaltung.

Damit möchte ich diesen offenen Brief beenden und Danke für Eure Aufmerksamkeit,

MATTHIAS ENGELHARDT
ein Filmfan

PS: Dieser Brief ging als Email an folgende deutsche ...

Verleihfirmen: Columbia Tristar; Kinowelt; Warner Bros.; Rapid Eye Movies; Senator Film; e-m-s; 20th Century Fox; Paramount
Kino(ketten): Cinemaxx; UFA; Cinestar; UCI Kinowelt; Mathäser München, Cinecitta Nürnberg
Zeitschriften: Filmdienst; epd-film; Cinema; Blickpunkt Film; DVD Vision; TV Movie; TV Spielfilm, Hörzu, Focus, Spiegel, Stern
Zeitungen: Welt; FAZ; Reutlinger General Anzeiger; Süddeutsche Zeitung; Nürnberger Nachrichten; Bild
Homepages: Jugendfilmclub Reutlingen e.V.; OnlineFilmDatenBank; Medienzensur.de; Schnittberichte.com; regie.de
Sowie an die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, an VIVA, den Bayerischen Rundfunk und diverse Kultur-Ministerien.






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